Sonntag, 2. August 2009

Die Mondfruchtvergiftung der Bloggerehre

Von Twitter habe ich mich aktuell ein wenig zurückgezogen weil mir dieser Dienst zur Zeit einfach nur gewaltig auf den Sack geht.

Langsam habe ich den Eindruck, dass Twitter in letzter Zeit etwas zu viel mediale Aufmerksamkeit erfahren hat und ihn jetzt das gleiche Schicksal ereilte, das schon so viele Internetdienste traf: Es wird kommerzialisiert und ausgehöhlt.

Der britische Webhoster Moonfruit hat diesen Trend zwar sicher nicht erfunden, wohl aber perfektioniert und auf die Spitze getrieben: Jeder, der in seine Tweets mit "#moonfruit" kennzeichnete, bekam die Chance, ein MacBook Pro zu gewinnen.

In Blogs gibt es seit längerer Zeit schon ähnliche Gewinnspiele, dort war die Resonanz allerdings nie so groß wie aktuell bei Twitter, denn hier gibt es einen gewichtigen Unterschied: Während es in den Blogs meistens damit getan ist, einen Artikel über das jeweilige Produkt zu schreiben und auf die Herstellerseite zu verlinken, geht es bei den Twitterspielchen darum, die Produkte möglichst hoch in der Twitter-Statistik der meistverwendeten Begriffe zu verankern. Je öfter ein Twitterer den Begriff in seinen Tweets erwähnte, desto höher die Gewinnchancen.

Das schlimme an der Sache: Die Rechnung der Marketingagenturen geht voll und ganz auf: So bald irgend eine Agentur eines sich selbst überschätzenden Unternehmens jedem, der über sie bloggt/twittert ein MacBook verspricht, werfen viele Twitterer/Blogger sämtlichen Stolz und jede Distanz über Bord und prostituieren sich, um auch ja den versprochenen Preis zu gewinnen.

Die große Mehrheit gewinnt natürlich nichts und am Ende profitieren nur Marketingagentur und auftraggebendes Unternehmen, aber das ist wohl wie beim Lotto, das ja bösen Zungen zu Folge auch nichts anderes als eine Steuer für Leute, die schlecht in Mathe sind, sei.

Im Grunde sind diese Kampagnen ein Geniestreich, denn wozu braucht man noch Botnetze, wenn man die User so einfach dazu bringt, sich selbst gegenseitig vollzuspammen? Mit der vor Kurzem noch gefeierten Journalistik vom Hudson-River hat dies freilich nichts mehr zu tun.

Die Werbung, die manche Blogger in ihren Blogs schalten, ist von dieser Perfektion natürlich noch meilenweit entfernt. Dennoch sagt sie viel darüber aus, was diese Menschen über ihre
Leserschaft denken. Wer tatsächlich an einem Kontakt mit Freunden und Bekannten interessiert ist, mutet denen keine Werbung zu.

Die Ausrede, nur die laufenden Kosten reinholen zu wollen, ist dabei eine schwache: Es gibt auch genügend Anbieter, bei denen man kostenlos und werbefrei bloggen kann.

In Anbetracht der Tatsache, dass man als Z-Blogger mit Werbung ohnehin kaum was verdienen kann, sollte man eigentlich so höflich sein und seinen Lesern die Werbung ersparen. Das erweckt dann auch nicht ein Eindruck, dass man es besonders nötig hätte und das Melken der Leser der letzte Ausweg vor Peter Zwegat ist.

Es geht jedoch auch noch dreister: Direkte Sammelaktionen in Blogs bzw. Webseiten, die einzig und alleine zum virtuellen Betteln aufgesetzt wurden. Die Aussage dieser Seiten und Blogeinträge ist sinngemäß meistens die selbe: "Ich hätte ja so gerne ein MacBook/iPod/anderes Luxusgadget, hab aber so gar kein Geld. Gib mir einen kleinen Betrag, der tut Dir nicht weh und Du tust was Gutes."

Es ist sicherlich richtig, dass Kleckerbeträge den meisten Leuten nicht weh tun. Das ändert aber nichts daran, dass es letztlich auf Kosten anderer geschieht und dadurch wahrscheinlich jemand zu kurz kommt, der das Geld für etwas dringlicheres als ein neues Notebook gebrauchen könnte.
(Vom psychologischen Druck, der alleine durch die Frage aufgebaut wird, mal ganz abgesehen.)

Vielleicht haben wir aber ja Glück und es entwickelt so schon bald ein Gegentrend. Nach dem sich eine Reihe prominenter Blogger, allen voran Web-Irokese Sascha Lobo, mit ihrem Vodafone-Werbedeal gewaltig in die Nesseln gesetzt haben, besteht zumindest ein Funken Hoffnung.

Wobei ich gestehen muss, dass ich gar nicht so genau weiss, wer Sascha Lobo eigentlich ist. Die Wikipedia schreibt über ihn:
"2007 trat Lobo unter anderem neben Johnny Haeusler von Spreeblick als einer der Gründer von adical (nach einem Rechtsstreit seit Juli 2008: adnation), einem auf die Vermarktung von Blogs spezialisierten Unternehmen, in Erscheinung." (Quelle)
Ein Unternehmen zur Vermarktung von Blogs... da wundert mich die Vodafone-Sache dann auch nicht mehr so wirklich.

Letztlich geht es wohl überall nur ums Geld, selbst in der Blogosphäre.

Soviel für heute... ich will keinem persönlich auf die Füße treten, aber dieser Trend nervt mich gewaltig!

Kommentare:

Hans-Georg hat gesagt…

Ich blogge werbefrei und habe auch nicht die Absicht, das zu ändern. Wenn ich auf einem Blog lande, auf dem Werbung eingebaut wird, interessiert mich diese ganz und gar nicht. Ich lese ein Blog der Inhalte wegen. Werbung in einem Blog wird mich nie dazu verleiten, auch nur einen Klick dafür zu verschwenden.

pcxHB hat gesagt…

Wenn's nur eine kleine Werbespalte am Rand ist, kann ich damit auch leben. Aber diese Layer-Werbungen, wo man erstmal warten muss, bis der "Schließen"-Button endlich geladen ist, sind extrem nervig. Manchmal sind sie sogar so dämlich positioniert, dass der Button ausserhalb des Fensters liegt und man die Anzeige daher gar nicht schließen kann.

Außerdem denke ich, dass Werbung im Blog die eigene Glaubwürdigkeit untergräbt. Wie sehr, hängt natürlich von der Art der Werbung und den Themen das Blogs ab. Inhalt und Werbung sollte man in keinem Fall vermischen.

ze.d hat gesagt…

Hast im Prinzip recht, Twitter wird immer mehr ein Werbemedium. Aber irgendwie merk ich das nur ansatzweise, ich geb zu. Ich hab auch hier und da mal am Anfang an solchen Gewinnspielen teilgenommen. Inzwischen grenze ich mich da stark ein. Eine einfache Lösung wäre aber, wenn man unbedingt an einem der Lotto-Gewinnspiele teilnehmen will, einfach einen extra dafür eingerichteten Twitter account erstellen. Und die Sache ist erledigt. Die Privat-Tweet-Account-Dings könnte so unberührt bleiben. Und Twitter ist und bleibt somit so wie sie gewolt ist.

pcxHB hat gesagt…

An Extra-Accounts habe ich auch schon gedacht, aber ich glaube nicht, dass das funktionieren würde. Zum einen sind die meisten Leute da viel zu faul zu, zum anderen würden die Werbeagenturen da sicherlich gegensteuern sobald sie merken, dass sie in einen "Werbesandkasten" abgedrängt werden.

Die beste Lösung wäre, wenn die Twitterer/Blogger nicht mehr so käuflich wären und etwas kritischer sind, welche Aktionen sie unterstützen und welche nicht. Vodafone ist da z.B. keine gute Wahl, denn die marschieren, nach allem was man so liest, bei der Zensur ganz weit vorne.

Anonym hat gesagt…

Das Marktgesetz besteht darin, dass sich immer nur das/der/die "durchsetzt", welche/s genug Profit abwirft.
Fang doch schon vorher an mit der Kritik! Welche Kleckerchen bekommen all die Leute, die für die Hardwaren arbeiten oder für die Software - in China zB.

Und wie passt die Einstellung vieler Internetler dazu, die möglichst alles "gratis herunterladen" wollen? ;)

Das Kinderland lässt grüssen!